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Pressekonferenz am 3. November 2014 anlässlich STAHL 2014 in Düsseldorf

3. November 2014

Herausforderungen für die Stahlindustrie wachsen – Die Politik braucht einen Perspektivwechsel

Die Jahrestagung STAHL 2014 findet erneut in einem für die Stahlindustrie in Deutschland schwierigen strukturellen Umfeld statt: Einerseits nimmt der konjunkturelle Gegenwind zu, andererseits hat sich ein ohnehin intensiver internationaler Wettbewerb auf den globalen Stahlmärkten noch einmal verschärft. Hinzu kommt die anhaltende Strukturkrise auf dem europäischen Stahlmarkt. In dieser Situation ist die Stahlindustrie mehr denn je auf wettbewerbsgerechte wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen angewiesen.

Konjunktur: Gegenwind nimmt zu – Stahlmarkt mit stabiler Seitwärtsbewegung

Die Konjunkturdaten für die deutsche Volkswirtschaft haben in den letzten Monaten enttäuscht. Trotzdem sehen wir keinen Anlass, unsere zu Jahresbeginn bewusst konservativ formulierte Prognose für die Rohstahlproduktion 2014
(43 Millionen Tonnen) zu korrigieren. Zwar hat sich die Erzeugung zuletzt im Verlauf leicht abgeschwächt und war im dritten Quartal um 3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum rückläufig (Bild 1). Allerdings wurde sie in den letzten Monaten durch Reparaturen behindert. Im bisherigen Jahresverlauf hat die Produktion bislang um 2,5 Prozent zugelegt, im Gesamtjahr dürfte sich ein Anstieg von 1 Prozent ergeben. Die Kapazitätsauslastung verbessert sich als Folge von Werksschließungen spürbar, bleibt allerdings mit 86 Prozent hinter dem langfristigen Durchschnitt (90 Prozent) zurück. Die EU liegt bei einer Kapazitätsauslastung von 77 Prozent.

Auch die anderen Indikatoren für die Stahl-Mengenkonjunktur sind gegenwärtig noch relativ fest: Zum einen haben – noch vorläufigen Angaben zufolge – die Auftragseingänge für Walzstahl im Sommer zum dritten Mal in Folge zugelegt (Bild 2). Die leichte Eintrübung beim Bestelleingang aus dem Inland im Sommer wurde mehr als ausgeglichen durch einen verbesserten Auftragseingang aus den Euro-Ländern (+ 4 Prozent) und insbesondere den so genannten Drittstaaten (+ 23 Prozent). Hier dürften sich auch die verbesserten Wechselkursverhältnisse ausgewirkt haben.

Zum anderen ist das vom Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut ifo ermittelte Geschäftsklima in der Stahlindustrie von den negativen Konjunkturmeldungen in den letzten Wochen weitgehend unbeschadet geblieben (Bild 3). Es befindet sich zwar auf einem niedrigen Niveau, übersteigt aber weiterhin seinen Vorjahreswert. Zudem bleiben die Geschäftserwartungen – bereinigt um die üblichen saisonalen Faktoren – moderat aufwärtsgerichtet.

In den kommenden Monaten dürfte der konjunkturelle Gegenwind für die Stahlindustrie wahrscheinlich zulegen. Wir gehen aber davon aus, dass die deutsche Wirtschaft trotz der zuletzt schwach ausgefallenen Konjunkturdaten nur in eine Delle, nicht aber in eine Rezession fallen wird. Für das kommende Jahr bleiben wir daher auch für den Stahlmarkt „vorsichtig optimistisch“ und rechnen mit einer stabilen bis moderat wachsenden Stahlnachfrage (Bild 4). Unserer aktuellen Einschätzung zufolge wird sich die Marktversorgung mit Walzstahl 2015 um 1 Prozent auf 39,4 Millionen Tonnen erhöhen nach einem Anstieg von 2 Prozent im laufenden Jahr.

Grundlage für diese Sicht bilden zum einen aktuelle Einschätzungen für die Entwicklung bei wichtigen Kundenbranchen (Bild 5): So erwartet der Verband des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus für 2015 einen Produktionszuwachs im Maschinenbau von 2 Prozent. Die Deutsche Bank Research rechnet für die Automobilindustrie mit einer leichten Produktionssteigerung ausgehend von einem bereits sehr hohen Level (+ 1 Prozent). Impulse dürfte die Stahlnachfrage zudem von den Stahlrohren erhalten, die von mehreren internationalen Pipelineprojekten wie auch dem Euro-Kurs profitieren. Durchschnittlich erwarten wir für die Stahlverarbeitenden Branchen 2015 einen Produktionsanstieg zwischen 1 bis 2 Prozent.

Eine dynamischere Entwicklung wäre allerdings möglich, wenn es gelingen würde, die Investitionsschwäche in Deutschland zu überwinden. Die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote ist hierzulande seit Jahren rückläufig, die Unternehmen sind zunehmend von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen verunsichert. Hinzu kommen erhebliche Mängel bei der staatlichen Infrastruktur, besonders im Verkehr. Dies belastet uns als transportintensive Industrie nicht nur von der Nachfrageseite, sondern bedroht auch unsere Wettbewerbsfähigkeit, die auf kurzen Wegen und Lieferzuverlässigkeit beruht. Wir sehen es daher als dringend notwendig an, dass die finanziellen Spielräume, die im Rahmen der Schuldengrenze bestehen, ausgenutzt werden, um offenkundig bestehende Defizite zu beheben. Regional vernetzte Wertschöpfungsketten sind auf eine verlässliche Infrastruktur angewiesen.

Stahlindustrie in Deutschland weiter in schwierigem Umfeld

Eine voraussichtlich stabile Entwicklung der Mengenkonjunktur 2015 auf dem deutschen Markt darf nicht den Blick auf die weiterhin schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Stahlindustrie in Deutschland verstellen. Grund sind die Strukturkrise auf dem EU-Stahlmarkt auf der einen Seite sowie der verschärfte Importwettbewerb als Folge der bestehenden globalen Unterauslastung der Kapazitäten.

Auf dem europäischen Markt bleibt die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage weiterhin bestehen (Bild 6): Es ist zwar ein ermutigendes Zeichen, dass der europäische Stahlverband Eurofer auch für das kommende Jahr von einer leicht wachsenden Stahlnachfrage ausgeht. Die Erholung vollzieht sich allerdings ausgehend von einem niedrigen Niveau. Sie kommt zudem gerade in größeren Märkten wie in Frankreich und Italien, auf die zusammen 25 Prozent des europäischen Marktvolumens entfallen, kaum voran. In Summe bleibt es daher dabei, dass das Nachfrageniveau auch 2015 noch rund 25 Prozent unter dem Vorkrisenlevel auskommen wird.

Die Strukturkrise auf dem EU-Stahlmarkt kann nicht alleine durch Anpassungen auf der Angebotsseite gelöst werden. Notwendig sind auch Impulse von der Nachfrageseite. Wir brauchen daher dringend einen Perspektivwechsel in Europa, der Wachstum und Beschäftigung in den Vordergrund rückt, zu mehr privaten und öffentlichen Investitionen führt und damit auch die industrielle Wertschöpfung stärkt. Die Weichen hierfür müssen von der neuen Europäischen Kommission gesetzt werden.

Die Strukturkrise der EU-Stahlindustrie wird durch einen erhöhten Importdruck noch einmal verschärft: Die Drittlandeinfuhren in den EU-Markt haben im bisherigen Jahresverlauf um 14 Prozent zugelegt, nachdem sie bereits im Vorjahr um 10 Prozent angestiegen waren. Die Importquote erreicht inzwischen hohe 18 Prozent und befindet sich damit wieder auf dem Niveau von 2008, das durch eine völlig andere Marktsituation gekennzeichnet war. Deutliche Zuwächse kamen in diesem Jahr aus Russland und insbesondere aus China.

Besondere Sorge bereitet der Anstieg der chinesischen Stahlexporte. Das Wachstum in China kommt offensichtlich früher zu einem Ende als bislang erwartet. Dadurch spitzt sich die Überkapazitätsproblematik weiter zu. In der Folge hat China seine Ausfuhr in diesem Jahr um 40 Prozent erhöht, im September sogar um 73 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr beläuft sich der Exportanstieg auf mehr als 25 Millionen Tonnen. und übersteigt damit das gesamte Nachfragewachstum, das der Weltstahlverband für die restliche Welt erwartet. Die chinesischen Exporte in die EU sind in den ersten acht Monaten um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr entspricht dies einem Plus von gut einer Million Tonnen bzw. rund einem Viertel des gesamten Nachfragezuwachses in der EU
(Bild 7).

Es ist nicht überraschend, dass sich ein Großteil der weltweiten Handelsklagen gegen China richtet. Mit dem Verlust an Vertriebsmöglichkeiten leiten diese zunehmend Mengen in Märkte wie den freien und ungeschützten EU-Raum um und forcieren dort den Importwettbewerb. Infolge der Zunahme unfairer Importe hat die EU 2014 neue Antidumping-/ Antisubventionsklagen auf den Weg gebracht. Solche Handelsschutzmaßnahmen sind keine protektionistischen Mittel, sondern das von der WTO ausdrücklich zugelassene Mittel zur Wiederherstellung fairer Handelspraktiken. Sie sind Voraussetzungen für offene Märkte, wie er in der EU besteht. Es gibt im EU-Markt weder einen Einfuhrzoll, noch nicht-tarifäre Handelshemmnisse für den Import von Stahlerzeugnissen. Die europäische Stahlindustrie sieht dieses Instrumentarium als letztes Mittel an, um Auswüchse zu bekämpfen, nicht um flächendeckende Marktabschottung zu betreiben.

Die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise und die schwierige geopolitische Situation müssen auch auf europapolitischer Ebene zu einem Umdenken führen. Für die neue Kommission ist es bedeutsam, die hohe Relevanz der Industrie für die europäische Volkswirtschaft anzuerkennen und entsprechend zu berücksichtigen. Das Ziel des neuen EU-Kommissionspräsidenten, bis Ende dieses Jahres ein 300- Milliarden-Euro umfassendes Investitionsprogramm vorzulegen und damit Konjunktur und Wachstum anzukurbeln, werten wir als ersten Schritt in die richtige Richtung.

Belastungen durch politische Entscheidungen wiegen schwer

Das zunehmend globale Umfeld erfordert vielfach auch bei den politischen Rahmenbedingungen internationale Antworten. Nationale, aber mittlerweile auch europäische Insellösungen stellen zunehmend in einem internationalen Wettbewerb ein Problem dar. Der globale Klimawandel kann weder in der Europäischen Union, noch in Deutschland allein gelöst werden. Im Gegenteil – der weltweit massiv steigende Verbrauch fossiler Energieträger erfordert technisch getriebene Lösungen, die vor allen Dingen in den schnell wachsenden Schwellenländern greifen. Vor diesem Hintergrund ist das Zustandekommen eines internationalen Abkommens unter Einschluss aller wesentlichen Industrie- und Schwellenländer im kommenden Jahr in Paris so wichtig.

Vor zwei Wochen hat der Europäische Rat die EU-Strategie mit Blick auf die Klimaverhandlungen beschlossen (Bild 8). Die schon bisher unangefochtene Vorreiterrolle soll intensiviert werden. Im Zentrum steht die Selbstverpflichtung auf ein Treibhausminderungsziel von 40 Prozent bis 2030 – unabhängig vom Zustandekommen eines internationalen Abkommens. Doch was bedeutet dies für den Industriestandort und für die Stahlindustrie? Der Emissionsrechtehandel soll zu diesem Ziel überproportional beitragen. Spätestens ab 2018 wird die Verfügbarkeit an Zertifikaten somit drastisch sinken (Bild 9). Durch den absehbar erheblichen Anstieg des Zertifikatepreises werden die Kosten aus dem Kauf von Zertifikaten und verteuertem Strom massiv steigen – bei einem CO2-Preis von 40 Euro auf bis zu 1,4 Milliarden Euro im Jahr 2030 (Bild 10).

In einem solchen Szenario wird sich die deutsche und europäische Stahlindustrie im Wettbewerb mit Konkurrenten außerhalb der Europäischen Union nicht behaupten können. Der Emissionsrechtehandel europäischer Prägung findet weltweit keine Nachahmung (Bild 11). Um den Emissionsrechtehandel auch für Schwellenländer international anschlussfähig zu machen, gibt es nur einen Weg: Er muss mit industrieller Entwicklung vereinbar sein. Eine Deindustrialisierung in Europa würde nicht nur Arbeitsplätze und Wohlstand kosten, sondern wäre auch für den Rest der Welt ein schlechtes Argument. Der Emissionshandel muss so ausgestaltet werden, dass die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Grundstoffindustrien erhalten bleibt. Dazu ist eine kostenfreie Zuteilung auf Basis realistischer Benchmarks und ohne Verknappung durch einen Korrekturfaktor erforderlich. Und auch die emissionshandelsbedingten Strompreissteigerungen müssen für die Industrie nachhaltig ausgeglichen werden. Die Ankündigung des Europäischen Rates, den effizientesten Anlagen keine unverhältnismäßigen Kosten aufzuerlegen, deuten wir als Zeichen der Hoffnung. Vor dem Hintergrund der strukturellen Probleme ist die Sensibilität gegenüber politischen Entscheidungen, die die Auswirkungen auf die Produktion nicht berücksichtigen, besonders hoch.

Wettbewerbsverzerrungen innerhalb Europas

Innerhalb der europäischen Grenzen droht eine Zersplitterung der Energie- und Klimapolitik. Eine Harmonisierung beim Ausbau erneuerbarer Energien oder der Energieeffizienz ist nach dem jüngsten Ratsbeschluss in weite Ferne gerückt. Nationalen Alleingängen, wie wir sie in Deutschland bei der Überförderung der erneuerbaren Energien oder voraussichtlich im kommenden Monat beim nationalen Klimaaktionsprogramm oder dem Energieeffizienzaktionsplan erleben, sind Tür und Tor geöffnet. Das Risiko von Wettbewerbsnachteilen gerade für die deutsche Industrie besteht fort.

Wir sind in Deutschland weit entfernt von einer kohärenten Energiepolitik. Die jüngste Reform des Erneuerbare Energien-Gesetzes geht zwar in eine richtige Richtung, doch zentrale Kritikpunkte – wie der Einspeisevorrang und die risikolose Festvergütung – bleiben bestehen und führen dazu, dass die milliardenschweren EEG-Kosten auch in den nächsten Jahren nicht wesentlich sinken werden. Dass die Umlage zuletzt leicht zurückgegangen ist, ändert daran nichts und ist wohl in erster Linie auf das Wetter und auf Vorjahreseffekte zurückzuführen.

Während die durch das Beihilfeprüfverfahren der EU-Kommission drohenden existentiellen Belastungen durch einen Wegfall der Belastungsbegrenzung von der EEG-Umlage abgewehrt worden sind, bleibt die Belastung der Eigenstrom-erzeugung auf der Tagesordnung (Bild 12). Die Beaufschlagung neuer Stromerzeugungsanlagen zur Nutzung von Restenergien mit der EEG-Umlage droht solche Investitionen in die Energieeffizienz künftig zu blockieren. Auch dies ist eine Frage der Kohärenz. Es ist nachvollziehbar, dass vor diesem Hintergrund bei ArcelorMittal in Bremen die Investitionsentscheidung für den Bau eines geplanten neuen Kraftwerks zur Eigenstromerzeugung negativ ausgefallen ist. Darüber hinaus soll auch der Vertrauensschutz für bestehende Anlagen bereits 2017 wieder auf den Prüfstand gestellt werden. Dies beraubt die Stahlindustrie jeglicher Planungs- und Investitionssicherheit.

Ob EEG oder Emissionsrechtehandel: Erforderlich ist für uns eine nachhaltige Absicherung der Belastungsbegrenzungen für energieintensive Industrien, die nicht im Zweijahresrythmus in Frage gestellt wird. Energiewende und Klimaschutz müssen in sich kohärenter gestaltet und europäisch harmonisiert werden. Wir benötigen bei der Förderung der erneuerbaren Energien mehr Markt und mehr Kosteneffizienz. Nur, wenn Grundstoffindustrien wie die Stahlindustrie in ihrer Wettbewerbsfähigkeit nicht beschränkt werden, können ihre Werkstoffinnovationen zum Gelingen der Energiewende beitragen – kann die Energiewende zum Erfolg geführt und zum Exportartikel werden.

STAHL 2014

Das diesjährige Motto der Jahrestagung STAHL 2014 „Perspektiven mit Stahl“ verweist auf Herausforderungen, aber auch Chancen für den Werkstoff. Stahl hat hohes Innovationspotential und bietet Lösungen für Megatrends im Bereich Urbanisierung oder Mobilität wie auch zu Fragen der Nachhaltigkeit. Für die Branche zentrale technisch-wissenschaftliche und wirtschaftspolitische Themen werden auf dem Stahltag, zu dem rund 3.000 Besucher erwartet werden, diskutiert.

Zusammenfassung

Die Stahlindustrie braucht einen politischen Perspektivwechsel. Die konjunkturelle Situation ist zwar stabil, aber wirtschaftlich unbefriedigend. Zudem nimmt der Importdruck gerade auch aus China zu, und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind ungewiss. Die Reform des Emissionsrechtehandels und die dauerhafte Befreiung der ökologisch vorteilhaften Eigenstromerzeugung von der EEG-Umlage sind für die Perspektiven des Stahlstandorts unverzichtbar.

 

Rückfragen

Beate Brüninghaus
Telefon: + 49 211 6707-115 oder -116
E-Mail: beate.brueninghaus@stahl-zentrum.de

Download

Pressemitteilung WV Stahl vom 03.11.2014 (.pdf)
Pressemitteilung WV Stahl vom 03.11.2014 – Charts (.pdf)